2017 - Stéphanie Leblon - by Peter Lodermeyer

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Fused motions I 2017 oilcrayon and oil on canvas 120 cm x 90 cm

Stéphanie Leblon

By Peter Lodermeyer

 

Most people have a positive emotional relation to water. One knows this from experience, and it is confirmed by neuroscientific study. This is not surprising, since between 50 and 70 percent of the body’s mass - depending on age and sex - consists of water. Perhaps deep in our cells, preserved in the history of our evolution, hides the memory that all life originated in the sea. Numerous paintings and drawings made in the last few years by Stéphanie Leblon depict human bodies in water. The longer one gazes at a picture like Liquid Identity #4, the less one is able to determine what is actually visible there: is it naked person swimming, or in the midst of a wild game in the water - or perhaps rather a struggle against drowning? Is the dissolution of the body’s contours an expression of vitality, or does it signal an existential drama? Certainties of interpretation are blurred along with the contour lines. To better grasp Leblon’s particular vision of her motif, one can recall in contrast David Hockney’s Swimming Pool paintings. Though the contours of Hockney’s swimmers are also distorted by the ornamentally congealed undulations of the water’s surface, one still unfailingly senses the well-built bodies of the young men, soon to emerge refreshed from the pool. It’s quite different with Stéphanie Leblon. Through the movement of the water, through the refection and refraction of the light, her figures are so greatly frayed that one cannot possibly imagine how they could be once more reconverted into an intact unity enclosed by complete contour lines. Indeed, as a viewer one is often unable to decide (as in Liquid Identiy #12) whether the numerous disrupted segments of body parts depict one or two persons in the water. When the number of appendages undoubtedly indicate numerous figures, there remains the weirdly ambivalent impression that the pictorial events could just as well depict a boisterous game as a grim struggle.

Most surprising in Leblon’s newest works is the fact that the motif of water is rendered superfluous, replaced by a downright baroque dynamic of abstract lines, arabesques, and flourishes. It is the combination of oil painting with a drawing process using oil pastels that enables this dynamism of form. If the series “Liquid Bodies” and “Liquid Identities” deal with the liquidation and dissolution of bodily limits - simultaneously wishful thinking and anxiety - then Leblon’s newest series of works, “Fused Motions” adopt the theme of the merging of multiple bodies into indistinguishability. The turmoil of legs in Fused Motions III is accompanied by a multitude of lines that invigorate the indeterminate blue-green pictorial space as signals of pure kinetic energy. The bulky male figure with a red shirt in Fused Motions I and II, upon which further rudimentary bodies (possibly children) appear to cling, seems dematerialized in the lower part; metamorphosed into “moving accessories” (Aby Warburg’s “bewegtes Beiwerk”) of pure linear vortices.

The dissolution and liquidation of bodies, their fraying, deliquescence, and coalescence - all these are key artistic metaphors of the desire to transcend the boundaries of the body and the ego, always a hair’s breadth from the threshold of the loss of identity. Leblon’s paintings and drawings recall with incisive artistic stringency that, though our bodies promise unity, they nonetheless simultaneously bear within them the latent longing for dispersion, dissolution, and transgression - comparable to what Sigmund Freud once described as an “oceanic feeling”.

Stéphanie Leblon

Von Peter Lodermeyer

 

Die meisten Menschen haben ein positives emotionales Verhältnis zu Wasser. Das weiß man aus Erfahrung und wird durch neurowissenschaftliche Studien bestätigt. Es kann auch nicht überraschen, da etwa 50 bis 70 Prozent der menschlichen Körpermasse – je nach Alter und Geschlecht – aus Wasser bestehen. Vielleicht steckt tief in unseren Zellen die evolutionsgeschichtlich bewahrte Erinnerung daran, dass alles Leben aus dem Meer stammt. Zahlreiche Gemälde und Zeichnungen von Stéphanie Leblon aus den letzten Jahren zeigen menschliche Körper im Wasser. Je länger man sich ein Bild wie Liquid Identity #4 anschaut, desto weniger lässt sich bestimmen, was dort eigentlich zu sehen ist: ein nackter Mensch beim Schwimmen, beim ausgelassenen Spiel im Wasser – oder doch eher ein Kampf gegen das Ertrinken? Ist die Auflösung der Körperkonturen Ausdruck von Lebensfreude, oder signalisiert sie ein existenzielles Drama? Mit den Umrisslinien verschwimmen auch die Gewissheiten der Interpretation. Um Leblons besonderen Blick auf ihr Motiv besser zu fassen, kann man sich als Kontrast dazu David Hockneys Swimmingpool-Bilder in Erinnerung rufen. Wenn auch bei Hockney die Konturen der Schwimmer durch die zu Ornamenten geronnene Wellenbewegung der Wasseroberfläche verzerrt sind, so ahnt man doch unfehlbar die gut gebauten Körper der jungen Männer, die da bald erfrischt aus dem Pool steigen werden. Ganz anders bei Stéphanie Leblon. Ihre Figuren werden durch die Bewegungen des Wassers, durch Reflexion und Lichtbrechung so sehr zerfasert, dass man sich gar nicht vorstellen kann, wie sie sich jemals in intakte, von einer geschlossenen Konturlinie eingefasste Einheiten zurückverwandeln könnten. Ja, oft gelingt es einem als Betrachter nicht einmal, bei den in zahlreiche Segmente zerrissenen Körperpartien mit letzter Gewissheit zu entscheiden, ob es sich (etwa in Liquid Identity #12) um eine oder zwei Personen im Wasser handelt. Wo die Anzahl der Gliedmaßen unzweifelhaft auf mehrere Figuren hindeuten, bleibt der merkwürdig ambivalente Eindruck, dass es sich bei dem Bildgeschehen sowohl um ausgelassenes Spiel, um Liebesgeplänkel als auch um einen verbissenen Kampf handeln könnte.

 

Am erstaunlichsten an Leblons neuesten Arbeiten ist die Tatsache, dass das Motiv des Wassers entbehrlich wird und durch eine geradezu barock anmutende Dynamik abstrakter Linien, Arabesken und Schnörkel ersetzt wird. Es ist die Kombination aus Ölmalerei und zeichnerischer Bearbeitung mit Ölpastellkreiden, die diese unerhörte Dynamisierung der Formen ermöglicht. Geht es in den Serien „Liquid Bodies“ und „Liquid Identity“ um die Verflüssigung und Auflösung der Körpergrenzen – eine Wunsch- und Angstvorstellung zugleich –, so wird in Leblons neuester Werkserie „Fused Motions“ das Verschmelzen mehrerer Körper bis zur Ununterscheidbarkeit zum Thema. Das Getümmel der Beine in Fused Motions III wird von einer Vielzahl von Linien begleitet, die den unbestimmten blaugrünen Bildraum als Zeichen reiner Bewegungsenergie beleben. Die massige Männergestalt mit rotem Hemd in Fused Motions I und II, an der rudimentäre weitere Körper (womöglich Kinder) zu hängen scheinen, wirkt im unteren Teil dematerialisiert und in das „bewegte Beiwerk“ (Aby Warburg) reiner Linienwirbel verwandelt.

 

Die Auflösung und Verflüssigung der Leiber, ihr Zerfransen, Zerfließen und Verschmelzen – all das sind schlüssige künstlerische Metaphern für den Wunsch nach einem Überschreiten der Körper- und Ich-Grenzen, immer haarscharf an der Schwelle zum Identitätsverlust. Leblons Gemälde und Zeichnungen erinnern mit bestechender künstlerischer Stringenz daran, dass unser Körper zwar Einheit verheißt, jedoch zugleich die latente Sehnsucht nach Entgrenzung, Auflösung und Überschreitung in sich trägt – vergleichbar dem, was Sigmund Freud einst als „ozeanisches Gefühl“ bezeichnet hat.